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Arbeitsmarkt

Erstmals seit 2020: Kölns Beschäftigung sinkt um 3.400 Stellen

Ende September 2025 zählte Köln 630.500 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, 3.400 weniger als ein Jahr zuvor. Das verarbeitende Gewerbe und die Zeitarbeit verlieren, Pflege und Logistik halten dagegen.

Katharina Esser, Chefredakteurin — KI-generiertes Porträt
Katharina Esser
Business & Unternehmen

Lesezeit 6 Min.
Werkstor eines Industriebetriebs im Kölner Norden am Morgen
Werkstor im Kölner Norden: Im verarbeitenden Gewerbe fielen binnen zwölf Monaten 1.888 Stellen weg. · Symbolbild (KI-generiert)

631.907 Beschäftigte zur Jahresmitte, 630.496 drei Monate später: Zwischen diesen beiden Zahlen liegt eine Wende, die der Kölner Arbeitsmarkt seit 2020 nicht mehr erlebt hat. Ende September 2025 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Köln erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie gegenüber dem Vorjahresquartal zurückgegangen, um rund 3.400 auf 630.500 oder 0,5 Prozent. Gegenüber dem Juni fehlen rund 1.400 Stellen – der erste jemals gemessene Rückgang gegenüber einem zweiten Quartal. Normalerweise erreicht die Beschäftigtenzahl gerade im dritten Quartal ihren Jahreshöchststand, weil im September die neuen Auszubildenden in die Statistik eintreten.

Die Zahlen stehen in den Kölner Statistischen Nachrichten 6/2026, die das Amt für Stadtentwicklung und Statistik Ende Mai vorgelegt hat. Sie stützen sich auf die Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit, die mit sechs Monaten Verzögerung erscheint: Was jetzt zu lesen ist, ist der Stand vom 30. September 2025. Der Vorlauf erklärt, warum die Wende in der öffentlichen Debatte bislang kaum vorkam – und warum sie zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung längst keine Prognose mehr ist, sondern ein Befund.

Bis zur Jahresmitte lag Köln im Städtevergleich noch auf Platz drei

Bis dahin war die Bilanz gut, im Vergleich sogar sehr gut: Zur Jahresmitte 2025 zählte Köln 631.907 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, 4.699 mehr als ein Jahr zuvor und damit den höchsten je in einem Juni gemessenen Wert. Unter den deutschen Großstädten reichte das Plus von 0,7 Prozent für Platz drei hinter Frankfurt am Main mit 1,4 Prozent und Hamburg mit 1,1 Prozent. München kam auf 0,6 Prozent, Leipzig und Stuttgart auf je 0,2 Prozent, Düsseldorf und Berlin verloren jeweils 0,2 Prozent. Nordrhein-Westfalen insgesamt legte um 0,3 Prozent zu, Deutschland um 0,1 Prozent.

Getragen wurde dieser Zuwachs ausschließlich vom Dienstleistungssektor: 553.626 Beschäftigte, ein Plus von 6.555 oder 1,2 Prozent. 88 Prozent aller Kölner Arbeitsplätze liegen inzwischen dort. Der Produktionssektor verlor im selben Zeitraum rund 1.900 Stellen oder 2,3 Prozent – dreimal so viel wie im Jahr davor, als es 600 waren. Die Wende im dritten Quartal ist deshalb kein Bruch, sondern der Punkt, an dem das eine das andere nicht mehr ausgleicht.

Wartebereich einer Behörde mit Glastüren und leeren Stuhlreihen
Wartebereich einer Arbeitsverwaltung: Im Mai 2026 waren in Köln 56.038 Menschen arbeitslos gemeldet. · Symbolbild (KI-generiert)

Das verarbeitende Gewerbe verliert 1.888 Stellen in zwölf Monaten

Im verarbeitenden Gewerbe sank die Beschäftigtenzahl zwischen Mitte 2024 und Mitte 2025 von 50.229 auf 48.341: 1.888 Arbeitsplätze weniger, ein Minus von 3,8 Prozent. Der Maschinenbau verlor 357 Stellen oder 5,0 Prozent und liegt jetzt bei 6.758 Beschäftigten, das Druckgewerbe 143 Stellen oder 13,3 Prozent und ist auf 936 Beschäftigte geschrumpft. Chemie und Pharma gaben 130 Stellen ab, das Ernährungsgewerbe 224. Nur die Elektrotechnik legte zu, um 223 Arbeitsplätze oder 5,5 Prozent.

Das Druckgewerbe ist dabei der aussagekräftigste Fall, gerade weil es klein ist: 936 Beschäftigte in einer Stadt, die sich seit Jahrzehnten als Medienstandort versteht. Ein Minus von 13,3 Prozent in einem einzigen Jahr beschreibt keine Konjunktur, sondern das Ende eines Geschäftsmodells. Im Maschinenbau ist der Befund anders gelagert: Dort geht qualifizierte Facharbeit verloren, und ob der wachsende Dienstleistungssektor Beschäftigte mit diesen Qualifikationen aufnimmt, ist die offene Frage der Statistik.

Am deutlichsten trifft es die Zeitarbeit: 10.666 Beschäftigte, 1.499 weniger als ein Jahr zuvor, ein Minus von 12,3 Prozent – und das dritte Jahr in Folge mit Rückgang. Zeitarbeit ist der Frühindikator des Arbeitsmarktes: Sie wächst zuerst, wenn Unternehmen Auftragsspitzen erwarten, und sie schrumpft zuerst, wenn diese ausbleiben. Zusammen mit dem Bereich Verwaltung und Führung von Unternehmen, Unternehmensberatung, der erstmals seit 2019 wieder Beschäftigung abbaute, ergibt das ein konsistentes Bild: Zuerst gehen die flexiblen Ränder.

  • Verarbeitendes Gewerbe: 48.341 Beschäftigte, minus 1.888 oder 3,8 Prozent
  • Zeitarbeit: 10.666 Beschäftigte, minus 1.499 oder 12,3 Prozent
  • Unternehmensverwaltung und Unternehmensberatung: 37.209 Beschäftigte, minus 897 oder 2,4 Prozent
  • Gesundheits- und Sozialwesen: 86.982 Beschäftigte, plus 3.172 oder 3,8 Prozent
  • Verkehr und Lagerei: 47.059 Beschäftigte, plus 2.372 oder 5,3 Prozent
  • Finanz- und Versicherungsdienstleistungen: 39.858 Beschäftigte, plus 939 oder 2,4 Prozent
  • Handel: 75.446 Beschäftigte, plus 747 oder 1,0 Prozent

Pflege und Paketzustellung halten die Bilanz noch zusammen

Gehalten wird die Gesamtzahl von zwei Bereichen. Das Gesundheits- und Sozialwesen kam auf 86.982 Beschäftigte, 3.172 mehr als im Vorjahr: 800 zusätzliche Arbeitsplätze in Krankenhäusern, 500 in Arzt- und Zahnarztpraxen, 500 im sonstigen Sozialwesen. Verkehr und Lagerei legte um 2.372 Stellen auf 47.059 zu, am stärksten die Post-, Kurier- und Expressdienste mit 1.430 zusätzlichen Arbeitsplätzen oder 13,8 Prozent. Auch die Luftfahrt wuchs um 184 Beschäftigte.

Beide Wachstumsbereiche haben eines gemeinsam: Sie folgen der Nachfrage von Privathaushalten und der öffentlichen Hand, nicht dem Weltmarkt. Das macht sie konjunkturunabhängiger, und es verschiebt die Struktur des Standorts. Vor der Wende im dritten Quartal ist in Köln also nicht einfach Beschäftigung verloren gegangen; es ist Beschäftigung getauscht worden, industrielle gegen dienstleistende. Ob dieser Tausch den Standort trägt, entscheidet sich nicht an der Kopfzahl, sondern an der Wertschöpfung je Arbeitsplatz – und dazu enthalten die Statistischen Nachrichten keine Angabe.

Förderbänder und gestapelte Pakete in einem Sortierzentrum
Paketsortierung im Kölner Norden: Post-, Kurier- und Expressdienste gewannen 1.430 Beschäftigte hinzu. · Symbolbild (KI-generiert)

Bei der Arbeitslosigkeit steht Köln im Städtevergleich noch am besten da

Parallel zur wachsenden Beschäftigung ist auch die Arbeitslosigkeit gestiegen: Im Jahresdurchschnitt 2025 waren in Köln 56.541 Menschen arbeitslos gemeldet, 1.491 mehr als 2024; die Quote kletterte von 8,9 auf 9,1 Prozent. Im Vergleich der Großstädte ist der Anstieg von 2,7 Prozent trotzdem der geringste: Stuttgart meldete 16,5 Prozent mehr Arbeitslose, Leipzig 13,8, München 13,1 und Frankfurt 9,2 Prozent. Nordrhein-Westfalen kam auf 4,5 Prozent, Deutschland auf 5,8 Prozent.

Dass Beschäftigung und Arbeitslosigkeit gleichzeitig zunehmen, hat in Köln zwei Erklärungen, und beide stehen im Bericht. Die erste ist ein Qualifikations-Mismatch: 58 Prozent der arbeitslosen Kölnerinnen und Kölner haben keine Berufsausbildung, während die neu entstandenen Stellen vor allem von Zugezogenen besetzt werden. Die zweite ist statistischer Natur: Beschäftigte werden am Arbeitsort gezählt, Arbeitslose am Wohnort – und von den 631.900 Beschäftigten am Arbeitsort Köln wohnten 2025 rund 322.200 außerhalb der Stadt.

Aufschlussreich ist, wo der Anstieg herkommt. Die Zahl der Arbeitslosen im Rechtskreis SGB III, also derjenigen, die Arbeitslosengeld aus der Versicherung beziehen, stieg 2025 um 2.029 auf 17.389 Personen, ein Plus von 13,2 Prozent. Im Rechtskreis SGB II, dem Bürgergeld, ging sie dagegen um 538 auf 39.152 zurück. Wer neu arbeitslos wird, kommt derzeit also überwiegend aus einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis: Das ist die Signatur eines Stellenabbaus, nicht die einer sich verfestigenden Langzeitarbeitslosigkeit.

Klinikflur mit abgestellten Betten in der Fluchtlinie
Flur einer Klinik: Das Gesundheits- und Sozialwesen zählte Mitte 2025 in Köln 86.982 Beschäftigte. · Symbolbild (KI-generiert)

Die Zahl der eingeworbenen Ausbildungsstellen ist um mehr als ein Viertel eingebrochen

Die aktuellen Monatszahlen wirken auf den ersten Blick freundlicher. Im Mai 2026 waren in Köln 56.038 Menschen arbeitslos gemeldet, 748 weniger als im April und 294 weniger als im Mai 2025; die Quote lag bei 8,9 Prozent. 3.085 Menschen fanden im Mai eine Beschäftigung, 5,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie die Agentur für Arbeit Köln mitteilte.

„Die Zahl der Arbeitslosen ist nicht nur rückläufig gegenüber April, sie liegt erfreulicherweise aktuell unter der Zahl des Vorjahres.“

Stephanie Lewejohann, Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Köln

Der zweite Blick fällt anders aus. Die Zahl der bei der Agentur eingeworbenen Ausbildungsstellen ist gegenüber dem Vorjahr um 1.346 oder 28,7 Prozent auf 3.347 gesunken. Ende Mai standen 2.878 noch suchenden Bewerberinnen und Bewerbern 1.681 unbesetzte betriebliche Ausbildungsplätze gegenüber. Ausbildungsplätze sind die Investitionsentscheidung, die Unternehmen als Erstes streichen und als Letztes nachholen: Wer heute nicht ausbildet, hat in drei Jahren keine Fachkraft – und in Köln fällt das mit einer Bewerberzahl zusammen, die gegenüber dem Vorjahr um 3,1 Prozent gestiegen ist.

Für das laufende Jahr rechnet niemand mit einer Erholung. Nach der IAB-Regionalprognose vom März 2026 soll die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Köln im Jahresdurchschnitt 2026 um 1,0 Prozent auf rund 624.200 sinken, die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenzahl auf 56.900 steigen. Bundesweit erwartet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für 2026 ein Wachstum von 0,8 Prozent, eine stagnierende Beschäftigung von rund 34,9 Millionen und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um 38.000 auf 2,99 Millionen. Köln fällt in dieser Prognose also stärker zurück als der Bund.

Die Unternehmen selbst bestätigen die Richtung: In der Frühjahrsumfrage der Industrie- und Handelskammer zu Köln gaben 25 Prozent der befragten Betriebe an, Personal abbauen zu wollen; die Kapazitätsauslastung der Industrie im Kammerbezirk lag bei 73,1 Prozent. Zwischen einer solchen Absicht und ihrem Niederschlag in der Beschäftigtenstatistik liegen mehrere Quartale. Die Strukturzahlen zum Stichtag 30. Juni 2026 werden nach dem üblichen Veröffentlichungsrhythmus erst im Januar 2027 vorliegen.

Bleibt die Frage, was eine Stadt mit einer Zahl anfängt, die sie mit einem halben Jahr Verspätung erfährt. Ein Rückgang um 3.400 Stellen ist gemessen an 630.500 Beschäftigten wenig; er ist aber der erste seit fünf Jahren, und er trifft mit dem verarbeitenden Gewerbe und der Zeitarbeit genau die Bereiche, in denen die Kölner Statistik seit Jahren Substanz verliert. Ob 2025 der Höhepunkt war oder nur eine Zwischenmarke, entscheidet sich an den Quartalszahlen, die im kommenden Januar vorliegen.

Quellen und Weiterlesen
Katharina Esser, Chefredakteurin — KI-generiertes Porträt
Katharina Esser
Chefredakteurin · Business & Unternehmen
Leitet die Kölner Zeit seit der Gründung 2022. Zuvor zehn Jahre Wirtschaftsredakteurin in Düsseldorf und Frankfurt. Schreibt über Mittelstand, Startups und Strukturwandel im Rheinland.
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